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STIFTUNG FÜR KONKRETE KUNST ROLAND PHLEPS
FREIBURG-ZÄHRINGEN, POCHGASSE 73
 
 

 

Ansprache von Dr. Claudia Rönn-Kollmann, Vorsitzende des Vorstands der Stiftung,
zur Eröffnung der Ausstellung

Der Kreis im Plan B

Wir erinnern an Roland Phleps

am 21. November 2021 in der Skulpturenhalle der
Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps in Freiburg

 

I. Eine Person – zwei Leben

Ein Mensch -
man sagt in "reifern" Jahren -
halb kahl und schon mit weißen Haaren,
der lang und gern im Dienst gestanden
an denen, die sich ihm verbanden,
als "Eh(e)mann" und Familienvater,
als Neurologe
und Psychiater,
denkt, mit der Arbeit aufzuhören,
zum Anbeginn zurück zu kehren -
und nichts zu müssen, frei von Zielen,
beginnt der Mensch ein Kind,
zu spielen.

Er nimmt dafür als Material
Papier, Karton und später Stahl,
er schneidet Kreise, die er biegt,
dass einer sich zum andern fügt,
er lässt sich Zeit zum Ausprobieren,
zum Kombinieren, variieren -
und wenn’s ihm glückt, so ist es Lust,
und glückt es nicht, so ist’s kein Frust.
Aus Freude wächst die Schaffenskraft,
sein Spiel wird ihm zur Leidenschaft
und ganz allmählich kaum zu merken,
verwirklicht Kunst sich in den Werken.

Mit einer Paraphrase auf die Gedichte von Eugen Roth, verehrte Gäste, liebe Familie Phleps, begrüßte Dr. Roland Phleps seine Gäste, als er die Stiftung für Konkrete Kunst im Jahr 1999 der Öffentlichkeit vorstellte.

Und damit war klar, was da passierte. Ein erfolgreicher Arzt geht neue Wege. Man durfte neugierig sein.

II. Die Person Roland Phleps

Und da sind wir bei der Person Roland Phleps. Er war ungewöhnlich vielseitig begabt, zielstrebig und selbstbewusst, schier unverwüstlich mit seiner Energie - "ein klein wild Vögelein, und niemand kann mich zwingen." Das siebenbürgische Volkslied, das der Freiburger Domsingknabe Elias Grosschedl heute zu Beginn vorgetragen hat, verrät weiteres über die Persönlichkeit Roland Phleps. Gern hätte er das Lied in seinem siebenbürgischen Dialekt selbst gesungen – zusammen mit seiner Ehefrau Hanna.

Aber so sehr er sich seiner Begabungen bewusst war, so gut kannte er auch die Grenzen, hat beispielsweise das Singen auf diskrete Begegnungen begrenzt. Umso mehr freue ich mich, dass "sein" Lied heute erklingt.

Er liebte die Heimat seiner Kindheit und Jugend, war ihr ein Leben lang treu verbunden.

Er kannte sich aus in den Werken der Literatur und Musik; war ein weit gereister, an Land, Leuten und Kultur interessierter und aufmerksam teilnehmender Mann.

Wenn Roland Phleps zu den Ausstellungen in die Skulpturenhalle in Zähringen einlud, konnte man sicher sein, es wird ein Erlebnis für alle Sinne.

Zu den eigenen Arbeiten seines bildhauerischen Schaffens zeigte er in der Halle im Lauf der Jahre 64 Gastkünstler aus dem In- und Ausland, die sich der Konkreten und Konstruktiven Kunst verschrieben hatten.

An den Vernissagen traten Musiker auf und seine Ansprachen, mit denen er mit spitzem Stift und scharfzüngig präzise einführte, gaben Gesprächsstoff. Seine Wortwahl war präzise - nie zu viel der Worte und nie zu wenig. Menschen konnten sich hier begegnen, austauschen, kontrovers diskutieren oder sich miteinander an der Kunst einfach freuen. Dies entsprach seinem tiefen Bedürfnis, die Kunst zu fördern, Menschen über die Kunst zu verbinden, sie zu inspirieren und faszinieren.

In dieser Tradition enthält die jetzige Ausstellung drei Aspekte: die seines bildhauerischen, und seines literarischen Werkes sowie eine kleine Rückschau auf ihn als Stiftungsgeber und Förderer.

Gleich zu Beginn im unteren Bereich der Ausstellung wird an zwei zentrale Wesenszüge erinnert:

Rechts die Herzlichkeit der Begrüßung; links die "Zusage": Es gibt das Glück. Die Fotos mit den Spuren seines Lebens im Gesicht, (auf der linken Seite) zeigen ihn in dem Ausdruck, wie er mit seinem Gegenüber spricht und sich seiner "annimmt". Und auf der Stirnwand sehen Sie ein Foto, wie er sich auf "seiner" Skulpturenwiese am Mercure-Hotel fortbewegt – schon mühsam, von den Belastungen des hohen Alters geschwächt. Daneben das Rubaijat des geschätzten persischen Dichters Omar Chaijam.

Die Themen und Exponate der Ausstellung oben auf der Galerie sind folgenden Aspekten zuzuordnen:

  • Biografie (Hanna und Roland, Kindheit und Jugend)
  • Lyrik (Erich Michelsberg = Pseudonym von Roland Phleps)
  • Reisen (u.a. Skulptur "Akrobat")
  • Arztberuf
  • Variationsreichtum des "Spielers" (u.a. Skulptur "Zauberpferd")
  • Entwürfe mit bescheidenen Mitteln
  • "Seine" Stiftung (Foto mit Hanna und mir; Artemis-Skulptur: Kreisform nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar; Licht "läuft" in der Skulptur; Fahnen mit den Motiven der 64 Gastausstellungen – für die Kollegen hat er sich nicht lumpen lassen; für sich selbst war er sehr sparsam und bescheiden)
  • Chaos
  • Entwurfsskizzen
  • Der Kreis in Plan B (u.a. Pas de deux)
  • In der Werkstatt

Ich danke Susanne Allgaier, dass sie sich mit dem Werk "unseres" Stifters so gründlich auseinandergesetzt und in dieser Konzentration die Ausstellung konzipiert, gestaltet und weitestgehend ohne fremde Hilfe aufgebaut hat.

III. Der Künstler und sein bildhauerisches Werk

Exkurs: Erlauben Sie mir vorab noch den Hinweis, dass Johannes von Stumm, Oxfordshire, heute Corona bedingt nicht dabei sein kann. Auf Wunsch unseres Stifters sollte er bei dieser Gedenkveranstaltung als Künstlerfreund über das bildhauerische Werk von Roland Phleps sprechen. Er hätte das sehr gern gemacht. Aus Oxfordshire übermittelte er uns nunmehr herzliche Grüße der Verbundenheit, die ich gern an Sie weitergebe.

Nun möchte ich in der gebotenen Kürze an das bildhauerische Werk des Künstlers Roland Phleps erinnern. Auch hier begegnen wir ihm in seiner schillernden Persönlichkeit.

Mit 70 Jahren: Roland Phleps wird Künstler

Im Alter von 70 Jahren begnügte sich Roland Phleps nicht mit Basteleien als Altershobby, sondern er begann geometrische Gebilde aus Papier und Kunststoff-Folien zu formen, jedoch nicht, um einer bestimmten Vorstellung eine Form zu geben, sondern, worauf es ihm während seines gesamten künstlerischen Schaffens ankam, "spielerisch" und "per il mio dilletto": "Zu meiner Freude".

Eine bedeutsame, sein gesamtes Schaffen bestimmende Weichenstellung vollzog sich sehr bald, nämlich die Entdeckung seines Werkstoffes Metall. Bezeichnete er sich zunächst, fast etwas kokett als "Dilettanten", so wuchs mit der Zahl seiner Skulpturen sein Selbstwertgefühl als Künstler. Dazu von ihm diese Schilderung:

Mit dem Übergang zu Metall als Werkstoff setzte sich zunehmend ein künstlerischer Gestaltungsanspruch durch. Ich nahm das Spiel ernst, ohne die Freude am Spielerischen zu verlieren.
("Homo Ludens", Mai 1997, Roland Phleps: Stahlskulpturen Bd. I, S. 4/5)

Roland Phleps und die Geometrie

Das Merkmal der Kunst von Roland Phleps ist die Anwendung geometrischer Formen und Prinzipien. Ist Geometrie demnach auch Kunst? Das würde bedeuten, dass Geometrie keinen Zweck, außer ihrer Darstellung hätte. Geometrie hat jedoch den Zweck, Konstruktionen herzustellen. Phleps ist aber kein Konstrukteur, er wollte keine Brücken bauen oder Maschinen entwickeln. Welche Funktion hat die Geometrie dann für seine Skulpturen? Er verwendete sie als Medium. Wie sich ein Dichter oder Schriftsteller der Sprache bedient, so ist die Geometrie die Sprache für Roland Phleps. Indem er ihre Gesetzmäßigkeiten anwendet, ist dies vergleichbar dem Dichter, der den Regeln der Grammatik folgt. Und wie die Grammatik Sprache erst verständlich macht und gleichzeitig eine unendliche Vielfalt eröffnet, so gilt dieses ebenso für die Funktion der Geometrie im Werk von Roland Phleps.

Die Geometrie bedeutet also keine Einengung, sie ist kein "Käfig", sondern sie ist die Voraussetzung für das Schaffen seiner Skulpturen. Er formuliert dies selbst:

Der Übergang vom anfänglichen Spielen und Probieren vor bald zehn Jahren zum planvollen Gestalten mit der Erwartung ein Kunstwerk zu schaffen, hat sich fließend vollzogen. Dabei habe ich bald bemerkt, dass das mathematische Kalkül zwar notwendig ist, aber für ein befriedigendes Ergebnis nicht ausreicht. Mich befriedigt, was ich aus Stahl gestalte nur, wenn es etwas Lebendiges, vielleicht etwas Musikalisches, Poetisches hat, und das kommt, glaube ich, aus dem spielerischen Impuls.
("Worauf es mir ankommt", Roland Phleps: Stahlskulpturen Bd. II, S. 4)

Nur die Anwendung geometrischer Prinzipien führt also nicht zum Entstehen eines Kunstwerkes. Entscheidend ist vielmehr die Intuition, die Gabe, wie es Phleps ausdrückt, "spielerisch" Neues entstehen zu lassen. "Zu lassen" insofern, als es sich dabei nicht um einen willentlichen Vorgang handelt. Jedoch vollzieht sich dieses Entstehen wiederum nicht per Zufall, sondern aufgrund seines "Suchens nach einer bewegten Gestalt", wie es Roland Phleps beschreibt.

Was bewegte ihn?

Aber weshalb bis zu seinem Lebensende dieses unermüdliche, ja rastlose Skulpturen-Schaffen – was trieb ihn an, was bewegte ihn? Er antwortet darauf:

Mich bewegt, wie in den Jahren bisher, über fast drei Jahrzehnte die Freude am Spiel, die leidenschaftliche Suche nach der Gestalt und das überwältigende Glück, wenn etwas gelingt.
("Wegmarken Chairete! - Freut euch!", Roland Phleps: Stahlskulpturen Bd. VIII, S. 3)

Künstler und Betrachter

Aber ihn bewegte noch mehr. Denn er schuf seine Skulpturen nicht allein, um das Glück des Gelingens zu erleben, er wollte zudem Betrachter daran teilhaben lassen. Denn die Freude am Gelingen sucht ein Echo, erklärt er. Die Freude ist für Roland Phleps das zentrale Lebensgefühl: Ich glaube, dass man den Sinn unseres Lebens nicht fassen kann, ohne von der Freude zu reden. Das Streben nach Freude, nicht eingeschränkt auf Lust oder Glück, erscheint mir der stärkste Antrieb im Leben – Freude haben, Freude bereiten, Freude teilen, schreibt er im siebten Katalog über seine Skulpturen. Und weiter: Ich habe eine große Freude am schöpferischen Spiel. Diese Freude zu teilen, das Kunstwerk zu zeigen, ein Echo zu haben, wurde mir zum Bedürfnis. ("Über Freude – Rückblick und Ausblick", Roland Phleps: Stahlskulpturen Bd. VII, S. 157)

Roland Phleps und die Konkrete Kunst

Ist Roland Phleps eigentlich ein Konkreter Künstler? Sind seine Skulpturen Konkrete Kunst? Diese Fragen lassen sich nicht, wie es zunächst den Anschein hat, schlicht mit "ja natürlich" beantworten. Roland Phleps entdeckte keineswegs die von Theo van Doesberg, Hans Albers und Max Bill geprägte Konkrete Kunst als eine Kunstrichtung, in der er sich sofort wiederfand. Stattdessen gelangte er gewissermaßen als "Seiteneinsteiger" zur Konkreten Kunst, indem er überrascht feststellte, das was ich mache ist ja Konkrete Kunst.

Ich sah mich unversehens im Revier der Konkreten Kunst, ohne mich aber einer Doktrin, einem starren Dogma zu unterwerfen, ("Über Freude – Rückblick und Ausblick" Roland Phleps: Stahlskulpturen Bd. VII, S. 157) beschreibt er seinen Zugang zur Konkreten Kunst. Und an anderer Stelle schreibt er: Nicht die Nachbildung, die Abstraktion oder subjektive Verfremdung ist mein Thema, vielmehr der ästhetische Reiz, der in mathematisch definierten, also in geistigen Grundformen liegen und sichtbar gemacht werden kann. So bin ich stilistisch der Konkreten Kunst verpflichtet. ("Homo ludens", Roland Phleps: Stahlskulpturen Bd. I, S. 5)

Diese beiden Formulierungen sind es, welche das Verhältnis von Roland Phleps zur Konkreten Kunst definieren: Ohne mich aber einer Doktrin, einem starren Dogma zu unterwerfen und so bin ich stilistisch der Konkreten Kunst verpflichtet. Vor allem Max Bill sorgte mit seinen Thesen zur Konkreten Kunst für eine Einengung und damit auch für eine Absage individueller Formen, indem er eine strikte Anwendung rein geometrischer Formen verlangte, die keine Interpretationen zulassen dürfen. Demgegenüber Roland Phleps:

Ich habe meine eigenen Vorstellungen erprobt und das Glück gehabt, "Erfindungen" zu machen, die sich bei keinem meiner Künstlerkollegen finden – das "positiv – negative Relief" und den "Wellenkreis". Ich habe im Rahmen der Konkreten Kunst meine eigene Sprache gefunden, auch wenn deren Grammatik Manchem nicht immer passt.
("Mein Verhältnis zur Konkreten Kunst", Roland Phleps: Stahlskulpturen Bd. IX, S. 114)

Zeit seines Künstlerlebens blieb sein Verhältnis zur Konkreten Kunst und ihren Repräsentanten distanziert. Er fühlte sich lediglich verpflichtet.

Was bleibt?

Roland Phleps hat in rund 25 Jahren mit nahezu 1000 Stahlskulpturen ein gewaltiges Werk geschaffen. Doch sind nicht alle diese Skulpturen Ausstellungsstücke. Bei vielen handelt es sich um Werkstücke und diese sind gewissermaßen Zeugnisse und Wegmarken seiner immerwährenden Suche nach neuen Formen, eines immer neuen Ausprobierens des Spannungsbogens von geometrischen Prinzipien und der bewegten Gestalt. Die Werkstücke dokumentieren die schrittweise Überwindung seiner anfänglichen Konzentration auf den Kreis, indem er Ellipsen, Dreiecke und Sinuskurven aufschneidet, verbiegt und miteinander kombiniert. Als Ausstellungsstücke sind sie nicht wertig. Dennoch sind sie keine bloßen Entwürfe. Als Werkstücke legen sie Zeugnis ab und sind wichtig, den künstlerischen Werdegang von Roland Phleps nicht nur zu verstehen, sondern auch zu dokumentieren.

Das geradezu hartnäckige Festhalten an der einmal gefundenen Kunstform Edelstahlskulptur könnte, oberflächlich betrachtet, als ein geradezu endloses Wiederholen eines immer gleichbleibenden Grundprinzips bewertet werden. Doch beim näheren Betrachten stellen sich Verblüffung und Bewunderung ein für den nicht versiegenden Quell immer neuer Formenvielfalt; auch dafür, wie er flaches Material in Räumlichkeit verwandelt. Damit ist Roland Phleps ein einzigartiges Werk gelungen.

Seine kunstgeschichtliche Bedeutung besteht darin, dass der unabsichtliche Seiteneinsteiger aufgezeigt hat und beweist: Die Konkrete Kunst ist nicht von ihren Dogmatikern ausgezehrt und zum Stillstand gebracht worden, sondern sie konnte Optionen zur Weiterentwicklung aufzeigen. Mehr noch: Sie konnte weiterentwickelt werden.

Liebe Freunde unserer Stiftung, liebe Gäste,

vor diesem Hintergrund wird Sie der Titel der Ausstellung "Der Kreis im Plan B" nicht überraschen, wenngleich er zunächst auf das Variieren zum Thema Kreis entstanden ist. Gern folgen wir – die Mitglieder der Stiftungsgremien – der unkonventionellen Denk- und Handlungsweise unseres Stifters:

  • Der Plan B steht allgemein für eine Alternative, falls der eigentliche Plan nicht gelingen sollte.

  • Der Plan B soll zeigen, dass es auch anders geht - in unserem Fall heißt das: Weiter mit dem Erbe unseres Stifters.

  • Der Plan B hat viele Vorteile: Neben dem guten Gefühl von potenzieller Sicherheit, sorgt das Nachsinnen über Alternativen nicht zuletzt dafür, dass man aus gewohnten, linearen Denkroutinen aussteigt und sich kreative Ausweichoptionen überlegt.

Und dafür sind wir bereit; ein erster Schritt ist diese Ausstellung.

Wir freuen uns, wenn Sie mit uns vertraute und neue Wege gehen.

Vielen Dank!

Mein besonderer Dank gilt dem Journalisten Stefan Wiegandt, der das Werk von Roland Phleps intensiv studiert(e) und mir wichtige Hinweise zu Struktur und Inhalt der Ansprache gab.