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STIFTUNG FÜR KONKRETE KUNST ROLAND PHLEPS
FREIBURG-ZÄHRINGEN, POCHGASSE 73
 
 

Skulpturen im Licht - Lichtskulpturen

Roland Phleps - Sinuskurven-Stele 2


Versuchen wir einmal, uns vorzustellen, welche Möglichkeiten ein Blinder hat, eine Skulptur "anzusehen".

Er könnte sie mit seinen Fingerkuppen abtasten, er könnte sie mit Händen umschließen, mit ausgebreiteten Armen zu ermessen versuchen, und sein durch die Blindheit geschultes räumliches Vorstellungsvermögen gäbe ihm aufgrund der erlangten Informationen eine Ahnung von dem Bildwerk. Er könnte aber weder das Lächeln auf einem Gesicht, noch die Proportionen der Gesamtgestalt erspüren.

Vor allem aber könnte er die Skulptur nicht im Raum sehen, und das heißt: die Gestalt im Licht erleben, das Zusammenspiel von Helligkeit und Schatten, das ihre Körperlichkeit hervortreten läßt, die Veränderungen von Ausdruck und Eindruck bei unterschiedlichem Lichteinfall. Das Licht als konstruktives Element der Gestalt im Raum ist uns so selbstverständlich, daß wir es uns "wegdenken" müssen, wollen wir seine fundamentale Bedeutung ermessen. -

Ehe ich auf das Verhältnis meiner Stahlskulpturen zum Licht eingehe, muß ich deren Besonderheit als offene Skulpturen im Unterschied zu körperhaft geschlossenen Skulpturen ansprechen. Meine Skulpturen sind, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, Kompositionen von Modulen, die aus Edelstahlblech geschnitten sind. Diese Bauelemente bleiben als Grenzflächen zwischen Außenraum und Innenraum selbständig, sie bilden also keine geschlossenen Körper, sondern offene Gestalten, die im Raum stehen und zugleich Raum umschließen und die außer ihrem Anblick auch Einblick und Durchblick gewähren. Im vielfältigen Wechsel der Perspektiven mit unterschiedlichen Überschneidungen der Flächen, mit Öffnung und Verengung des Innenraums und Änderung der Proportionen liegt der intendierte ästhetische Reiz meiner Skulpturen.

Schon früher habe ich darauf hingewiesen, daß mir im freien Spiel die Inventionen "zufallen", die zu immer neuen Gestalten und Variationen führen. Es waren also primär Gestalten, nach denen ich suchte. Um sie zu verwirklichen, brauchte ich ein geeignetes Material. Nach bescheidenen Anfängen mit Karton und Kunststoff-Folien fand ich im Edelstahlblech den bestgeeigneten Werkstoff, um das Ziel zu erreichen: das biegsame, elastisch reagierende, durch Schneide- und Schweißtechniken präzise zu verarbeitende Material.

Mit der Wahl des Edelstahls - es war eine glückliche Wahl! - hatte ich unversehens einen das Wesen meiner Skulpturen bestimmenden Faktor eingehandelt: das Licht. Mit wurde bewußt, daß meine Gestalten mit gleichem Recht als Lichtskulpturen zu bezeichnen sind wie als Stahlskulpturen: Die Körperlosigkeit ihrer Flächen korrespondiert mit der Schwerelosigkeit, der Immaterialität des Lichts.

Wenn ich mir erlauben wollte zu schwärmen, könnte ich den berühmten Abt Suger von Saint Denis zitieren, den geistigen Vater der gotischen Architektur, der bestrebt war, im Kirchenbau das Himmlische Jerusalem der Apokalypse nachzubilden als "Stadt aus Licht erbauet".

Mir ist nüchtern bewußt, daß der Glanz, der Schimmer, das Leuchten und das Verdämmern der gewölbten Flächen Reflexe des Sonnenlichts, einer künstlichen Beleuchtung oder der Farben der Umgebung sind, - ich erlebe aber das Licht auf der Skulptur als Licht der Skulptur selbst.

Dieses Licht könnte das voll reflektierte, blendende Sonnenlicht sein, wenn ich den Stahl zum Spiegel polieren ließe; dann wäre das Licht aber "hart wie Splitter im Auge". Ich könnte die Oberfläche so stumpf mattieren lassen, daß sie das Licht gleichsam verschluckte. Was meinem ästhetischen Anspruch am nächsten kommt, ist ein fein- bis mittelkörniger Bürstenschliff des Stahls, der ein lebendiges Spiel des Lichts auf den Wölbungen ermöglicht.

Dieses lebendige Licht-Spiel wird vom Betrachter selbst in Gang gesetzt, wenn er die Skulptur umschreitet oder, bei kleineren Formaten, die Skulptur in langsame axiale Drehbewegung setzt.

HEINZ MACK, einer der Begründer der ZERO-Bewegung, die dem Licht huldigt, hat beim Betreten unseres Gartens nicht auf eine Skulptur geachtet, an der er eben vorbeiging, sondern auf den blendenden Reflex, der von einer vierzig Meter entfernten Skulptur kam, mit dem Ausruf: "Da!". Die weichen Übergänge und Abstufungen der Lichtwerte auf einer Skulptur empfand er als "malerisches Element", das dem Wesen der Skulptur fremd sei.

Mag beides den Licht-Skulpturen zustehen - der starke Glanz und der sanfte Schimmer, der harte Schatten und der weiche Übergang.

Das Licht - ein physikalisches Phänomen.
Das Licht - Grundvoraussetzung allen Lebens.
Das Licht - Element aller bildenden Kunst.
Das Licht - ihr edelster Werkstoff.

 

 
Roland Phleps über seine Arbeit:
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Konkrete Kunst
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Die offene Skulptur
Freude am Hand-Werk
Logik und Poesie
Skulpturen im Licht
Ansprachen von Roland Phleps bei Ausstellungen:
Die Leichtigkeit des Stahls