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STIFTUNG FÜR KONKRETE KUNST ROLAND PHLEPS
FREIBURG-ZÄHRINGEN, POCHGASSE 73
 
 

 

Ansprache von Dr. Antje Lechleiter zur Eröffnung der Ausstellung von

Ueli Gantner

Reliefs und Objekte

am 14. Mai 2017 in der Skulpturenhalle der
Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps in Freiburg

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Konkrete Kunst ist eine rationale Kunst. Die durch die Künstler getroffenen Entscheidungen folgen Regeln, die erklärt und verstanden werden können. Wir haben allerdings schon bei einigen Ausstellungen hier in der Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps gesehen, dass diese Tatsache weder die Empfindung noch die Sensibilität ausschließt. Ueli Gantner, den ich an dieser Stelle auch sehr herzlich begrüßen möchte sagt: "Manchmal weiß ist nicht genau was ich tue, was entsteht, es geschieht einfach" und entkräftet mit diesem Zitat das Vorurteil, dass die konkrete Kunst theorielastig und verkopft sei. Ich erinnere mich noch gerne an meinem Besuch in seinem Atelier, das sich etwas außerhalb von Bülach, in einer großen, alten Werkhalle befindet. Es war ein schöner, warmer Tag und im Anschluss an unser Gespräch machten wir noch einen kleinen Rundgang durch die nähere Umgebung. Bei dieser Gelegenheit zeigte mir Ueli Gantner zahlreiche Werke - Relieftafeln, Brunnen und Eisenplastiken - die er im Laufe der Jahre für den öffentlichen Raum und damit für die Menschen die dort leben geschaffen hat. Man sieht seinen Werken an, dass er sich sehr stark für Architektur interessiert, und das hinter mir hängende Relief, auf das ich noch zu sprechen kommen werde, ist auch aus einem Kunst-am-Bau-Projekt hervorgegangen.

Ueli Gantner ist Bildhauer und 3D-Gestalter, mit seinen Lamellenreliefs gehört er in den Bereich der optischen Kinetik. Kinetik ist die Lehre der Bewegung und im Falle der Lamellenreliefs ist der Betrachter selbst die Quelle dieser Bewegung. Gantner fordert einen aktiven Rezipienten denn beim Wechsel des Standortes ereignen sich über Färbung, Zuschnitt und Anordnung der Lamellen überraschende Farb- und Formwechsel. Sie werden beispielsweise diese drei Reliefs links neben mir als blau beschreiben, ich sehe hingegen eine überwiegend gelbe Komposition. Bei anderen Objekten werden gewölbte Lamellen zu Kugelsegmenten oder trapezförmige zu verzogenen Flächen. In diesem Sinne erzeugen die Werke von Ueli Gantner Energie und sie machen Raum, Körper, Bewegung und Zeit erfahrbar. Überdies hebelt er die klassische Vorstellung vom Bildbetrachter aus, der still und andächtig vor einem Kunstwerk zu verweilen habe.

Man könnte seinen Werken nun unterstellen, sie seien Reflexionen über eine Welt, die zunehmend vom technischen Fortschritt und von immer abstrakter werdenden Prozessen geprägt ist. Doch Gantner will diese rasante Entwicklung weder kommentieren noch kritisieren. Ihm geht es um etwas ganz anderes, er will den Betrachter mit der Schönheit und Harmonie seiner Arbeiten erfreuen und mit ihnen ein Gegengewicht zu den täglichen Schreckensmeldungen der Nachrichten setzen. Viele seiner Werke arbeiten mit dem Goldenen Schnitt und verleihen damit dem tief in uns verwurzelten Empfinden für Ästhetik Gestalt und Ausdruck.

Aber Gantner ist auch ein Forscher, der in seinen Reliefs mit Licht und Strukturen Formen wahrnehmbar macht, die uns gemeinhin verborgen bleiben. Seine Kunst ermöglicht, dass wir mehr von der Wirklichkeit erfahren. Unermüdlich strebt er nach dem "Ungesehenen", also nach dem, was unser Auge zwar wahrnehmen, unser Gehirn normalerweise aber nicht weiter verarbeitet kann und daher wegfiltert.

Ein gutes Beispiel hierfür hängt mit dem Relief "pn g" von 2016 hinter mir. Es besteht aus den drei Grundfarben, den Komplementärfarben sowie dem unbunten Weiß und Schwarz. Wenn Sie nachher ganz frontal vor der Arbeit stehen, werden Sie den Eindruck haben, dass die gelben Lamellen am weitesten nach vorne, in den Raum hinein greifen. Will man dies durch den Blick von der Seite auf seine Richtigkeit hin überprüfen, so erkennt man mit Erstaunen, dass alle Lamellen auf einer Ebene liegen. Für diese Arbeit spielt übrigens auch die Musik eine Rolle. So wie sich in der Zwölftonmusik ein Ton erst dann wiederholen darf, wenn alle anderen gespielt wurden, so gilt hier die Regel, dass erst jede Farbe ein Mal zum Einsatz kommen muss, bis eine neue Sequenz beginnen kann.

Den Farbumschlag, den diese Lamellen provozieren können, habe ich bereits im Zusammenhang mit diesen drei Arbeiten links von mir angesprochen und in diesem Fall resultiert jener natürlich aus der unterschiedlichen Färbung ihrer Seitenflächen. Es gibt aber auch Reliefs, in denen Gantner die Wirkung von Farben einbezieht, die wir nicht sehen können. Bei der ersten Arbeit auf der linken Seite nehmen wir einen gelb changierenden Kreis auf weißem Grund wahr. Es handelt sich dabei um eine Farbreflektion, deren Quelle wir nicht erkennen können, denn all das, was wir von den Lamellen sehen, ist ebenfalls weiß. Hier ist nun nicht nur der aktive, sondern vor allem der feinfühlige Betrachter gefragt. Denn Gantners Lamellen sind an der von uns abgewandten Seite gelb gefärbt und die feinen Hell-Dunkel-Abstufungen ergeben sich aus ihrem wechselnden Abstand zur Grundplatte: Je näher die gelbe Lamellenrückseite an die Platte heranrückt, desto intensiver wird der Eindruck dieser immateriellen Farbigkeit.

Es wundert mich daher nicht, dass ihn das Spiel von Farbmaterie und Farblicht inzwischen auch zur Arbeit mit farbigen Plexigläsern geführt hat. Hier unten sowie oben auf der Empore finden wir Reliefs, in denen fluoreszierendes, rotes, gelbes oder oranges Plexiglas eingesetzt wurde. Wellenförmige Abläufe wie diese (rechts von mir) erzeugen eine ungemeine Dynamik und machen den Vorgang von Bewegung an sich erfahrbar. Interessant ist der Vergleich dieser Farbgläser mit dem Plexiglas dieser blauen Skulptur. Während beim Gelb, Orange und Rot die Flächen dunkler als die Kanten sind, ist es hier genau umgekehrt. Hier sind die blauen Kanten deutlich dunkler und führen wie die Linien einer Zeichnung in den Raum hinein. Diese Plastik wurde übrigens aus einer quadratischen Grundform entwickelt und dies gilt auch für die auf der Empore gezeigten Arbeiten aus Chromstahl. Das Quadrat, dieses Rechteck mit den vier gleich langen Seiten, ist eine vollkommen harmonische Form, aber es ist auch vollkommen langweilig. Gantner empfand das als Herausforderung und seine ausgestellten Skulpturen zeigen, wie er durch Einschnitte und Drehungen zu immens dynamischen Kompositionen kommt. Oftmals fällt es unserer räumlichen Vorstellungskraft schwer, diese energiegeladenen Gebilde wieder in die Fläche und damit in die Ruhe des Quadrats zurückzudenken.

Fragt man den Künstler, was ihm denn wichtiger sei, die Form oder die Farbe, dann muss er nicht lange überlegen. Die Form steht bei ihm an erster Stelle, und vor den farbigen Reliefs entstanden rein weiße Gestaltungen. Seit 2011 arbeitet er häufig mit den drei Primär- sowie deren Komplementärfarben. Sein Schwarz ergibt sich stets aus der Mischung von primärem Rot, Gelb und Blau. Als wir uns im Zuge des Ausstellungsaufbaus darüber unterhalten haben, sagte Herrn Gantner: "Es gibt nichts farbigeres als Schwarz" und ich muss gestehen, dass ich über die Existenz von Buntheit im unbunten Schwarz nie nachgedacht hatte.

Zu den neuesten Werken gehören die ersten drei Arbeiten auf der Empore und ihre Wirkung ist absolut phantastisch. Das mittlere Relief, es ist die Arbeit Nr. 13, bringt erneut das Quadrat in Bewegung. Hier kreuzen sich zwei Quadrate im rechten Winkel und schweben vor dem schier unendlichen Weiß ihres Grundes.

Sie erinnern sich sicherlich noch an das Zitat von Ueli Gantner, das ich an den Beginn meiner Einführung stellte: "Manchmal weiß ist nicht genau was ich tue, was entsteht, es geschieht einfach". Gantner hat zweifellos eine unglaublich gute, räumliche Vorstellungskraft, dennoch gibt es auch für ihn unerwartete Momente. Nicht voraussehbar war beispielsweise die Wirkung der weißen Arbeit, die oben in der Mitte der Empore hängt und so etwas wie ein unbuntes Pendant zur Abbildung ihrer Einladungskarte darstellt. Durch den Zuschnitt der Lamellen sticht - ganz real - eine Pyramide in den Raum hinein, doch dass der Schatten der Lamellen diese zu einem Oktaeder (Doppelpyramide) ergänzen würde, war auch für ihn eine Überraschung.

Seine Beschäftigung mit dem amerikanischen Bildhauer Richard Serra führte Gantner dann auch zu einer geometrischen Form, die weniger bekannt ist. Ein Torus ist eine wulstartig geformte Fläche in Gestalt eines Reifens, Rings oder Donuts. Es ist nicht immer einfach, die Torusform in den Reliefs zu entdecken, bei dieser Arbeit links von mir entsteht die Kreuzform beispielsweise durch das Übereinanderlegen von zwei Torussegementen.

Sehr geehrte Damen und Herren, Ueli Gantner fühlt sich, wie er selbst sagt, "eingebettet in die konkret-konstruktive Kunst" und mit einem Minimun am Bildmitteln strebt er nach einem Maximum an Aussage. So ist das weiße, oben auf der Empore hängende Relief Nr. 30 auch zweifellos eine Hommage an den Meister des Quadrates Josef Albers.

An den Werken von Ueli Gantner fasziniert mich der Bezug zwischen dem Sichtbaren und dem Denkbaren. Denn aus dem rhythmischen Zusammenspiel von Farben und Formen ergeben sich entmaterialisierte Bildwelten, die das Unbegreifbare, das Abwesende, erkennbar und empfindbar machen.